Substrat, nicht Maschine

Die Entscheidung

In den Texten dieses Projekts steht das Wort Sprachsubstrat, wo andere von KI, LLM oder Assistent sprechen. Das ist eine Entscheidung, keine Marotte. Sie ist erklärungsbedürftig, weil das gewählte Wort ungewohnt ist und die geläufigen so vertraut, dass ihr Beigeschmack kaum mehr auffällt.

Diese Notiz holt die Entscheidung ans Licht.

Was ein großes Sprachmodell tut

Ein großes Sprachmodell wird mit sehr vielen Texten trainiert und gibt, auf eine Anfrage hin, einen Text zurück, der den im Training gesehenen Mustern statistisch nahesteht. Es operiert auf der Oberfläche der Sprache — auf dem, was Saussure den signifiant nannte: dem Zeichen, nicht dem Bezeichneten. Es kennt Wortverteilungen, Satzformen, idiomatische Wendungen. Es kennt nicht, was die Sätze meinen. In den Worten Benvenistes: es produziert énoncés ohne den Akt der énonciation — Aussagen ohne den Sprechakt, in dem ein Sprecher sich auf eine Welt bezieht.

Das ist die technische Beschreibung. Sie ist nüchtern, nicht abwertend. Auf dieser Beschreibung ruht alles weitere.

Was Maschine nicht trifft

Das Wort Maschine funktioniert dort, wo es als Bild dient — die Druckpresse, die Schreibmaschine, das Ding, das vor einem steht. Es funktioniert weniger gut, wenn das Phänomen innerhalb der Sprache liegt. Eine Druckpresse ist Mechanik. Das Sprachmodell ist Statistik über Schrift, die schon Sprache war. Es ist näher an einem Material als an einem Werkzeug. Wer es als Maschine anspricht, hängt ihm leicht eine Funktion an, die es nicht hat.

Was KI nicht trifft

KIKünstliche Intelligenz — überträgt menschliche Züge auf etwas Nicht-Menschliches. Das Modell hat kein Bewusstsein, keine Erfahrung, keinen Standpunkt, keine Welt, an die es sich rückbinden könnte. Es imitiert sprachliche Funktionen einzelner kognitiver Akte mit großer Geschwindigkeit. Das ist eindrucksvoll und es ist nicht Intelligenz im Sinne, in dem das Wort vor 2020 gebraucht wurde. Wer das Wort weiter benutzt, transportiert eine Vergleichbarkeit mit, die in der Sache nicht besteht. Die Folge-Begriffe — KI-Kollaboration, KI-Assistenz, KI-Anteil, Mensch-KI-Schreiben — schreiben diese Vergleichbarkeit fort und unterstellen zwei Subjekte dort, wo eines ist.

Was LLM nicht trifft

LLMLarge Language Model — ist die korrekte technische Bezeichnung und in der technischen Sprechgruppe an die Stelle von KI getreten. Man könnte erwarten, dass ein Modell weniger Personifizierung mitschleppt als eine Intelligenz. In der Sprache, wie sie tatsächlich gesprochen wird, hat es das nicht. Das LLM sagt, dass…das LLM hat geantwortetdas LLM weiß nichts darüber. Die Subjekt-Naht ist mitgewandert. LLM hat KI in den Foren ersetzt, ohne den Anthropomorphisierungs-Reflex abzulegen. Was statistisches Modell heißen sollte, wird Sprecher in einer Unterhaltung. Wer es zuhört, weiß: gemeint ist meist nicht eine Matrix von Wahrscheinlichkeiten, sondern das Ding, mit dem man redet.

Was Substrat trifft

KI und LLM ziehen, jedes auf seine Weise, dieselbe Linie: aus dem, was Sprache verarbeitet, wird ein Sprecher gemacht. Das Wort Substrat zieht eine andere.

Es ist das lateinische Wort für Unterlage, das Darunterliegende. In der Chemie ist es der Stoff, der von einem Enzym umgesetzt wird. In der Biologie der Boden, auf dem etwas wächst. In der Sprachwissenschaft das, was unter einer Sprache liegt und durch sie hindurchwirkt. Das Wort hat in jeder dieser Verwendungen denselben Sinn: Material, das bereitgestellt wird, ohne selbst die Operation zu sein.

Sprachsubstrat überträgt diesen Sinn auf das Sprachmodell. Es liefert Material — die statistisch wahrscheinliche Formulierung. Was mit dem Material geschieht, entscheidet die Person am Schreibtisch. Der Akt heißt Vermittlung, das Ergebnis maschinell vermittelte Schrift.

Drei Dinge gewinnt das Wort, die KI und LLM nicht liefern.

Erstens. Es vermeidet die Subjekt-Unterstellung in der Wurzel, nicht erst auf der Höflichkeits-Ebene. Ein Substrat liefert, trägt, steht bereit. Es will nichts, sagt nichts. Die Verantwortung für das, was am Ende dasteht, bleibt bei der, die schreibt.

Zweitens. Es macht eine Reihe sichtbar. Schrifttechnik — Druckpresse, Schreibmaschine, jetzt Substrat — ist eine Linie, in der das Substrat ein neues, nicht aber ein erstes Glied ist. Jede dieser Stationen hat verändert, wie Texte entstehen, ohne den schreibenden Menschen abzuschaffen. Das Substrat wird nicht zur Ausnahme, sondern zum nächsten Kapitel.

Drittens. Es ist abstrakt genug, um nicht nur das heutige Sprachmodell zu meinen. Was morgen kommt — andere Architekturen, andere Bauformen, andere Hersteller — wird unter denselben Begriff fallen, solange es dieselbe Stelle in der Schreib-Anordnung besetzt.

Was zu verlieren wäre

Das Wort ist ungewohnt. Es ist eine Schwelle. Wer den Standard adoptiert, lernt es; wer eine Notiz liest, soll nicht daran scheitern. Deshalb wird Sprachsubstrat bei seinem ersten Auftritt in jeder Notiz kurz angesetzt — Material, das ein Sprachmodell bereitstellt — und dann benutzt. Wer es genauer wissen will, findet die Herleitung hier.

Die anderen Wörter — KI, LLM, Sprachmodell — werden nicht verboten. Sie erscheinen in Anlass-Blöcken, wenn ein zitierter Text sie selbst verwendet. Sie erscheinen in dieser Notiz. Sie tragen aber nicht die institutionelle Position. Die wird vom Substrat-Begriff getragen, weil nur dieser den Sprechakt der Selbstdeklaration sauber trägt: die Autorin sagt, wie viel Sprachsubstrat in das Werk eingegangen ist. Mit KI oder LLM wäre es Kollaborations-Bilanz, mit jeweils anderer Färbung. Mit Substrat ist es, was es ist: Auskunft über Material.


Mehr zur Sache: Idee. Mehr zur Form des Siegels und der Achsen Wortlaut · Geist · Beleg: ebenda. Eine erste Anwendung der hier hergeleiteten Position: Die Hexenprobe.